Donnerstag, 11. August 2016

2016 Irontrail - Im Olymp der Läufer



201 Kilometer und 11'440 Höhenmeter













Nachdem ich halb geschafft war nach der Anreise mit dem Zug beim Eiger Ultra Trail nach Grindelwald, mit dem vielen Umsteigen und dem schweren Gepäck, reiste ich am Donnerstag mit dem Auto nach Davos.

Ich traf mich mit anderen Läufern im Café Schneider mit unter anderem Felix, Stephan und Daniela, mit Marc und seiner Frau und ass eine Portion Spaghetti, die Pesto Sauce hatte ich selber mitgebracht.




Vor sechs Uhr ging es zur Startnummernausgabe und dort erwartete uns eine längere Warteschlange. Wir warteten sicher 40 Minuten bis wir die Startnummer bekamen.

Früh zu Bett. Im Nebenzimmer begann um neun Uhr ein Kind an zu schreien und es wollte nicht aufhören. Ich klopfte an die Tür, suchte vergeblich nach Hotelpersonal. Ich war kurz davor, dass ganze Hotel zu wecken, als es um elf Uhr nach meinem heftigsten Poltern und Ausrufen plötzlich ruhig wurde. Das Kind hatte zwei Stunden lang fast pausenlos geschrien. 

Es wurde jedenfalls eine kurze Nacht. Es regnete inzwischen und ich war froh, hatte ich für den 15-minütigen Weg zum Start ein Taxi bestellt.

Das sollte um 03.40 Uhr kommen. Es wurde 03.44, 03.45. Das Taxi kam nicht. Um 03.47 lief ich los, im zügigen Tempo Richtung Start, in voller Montur und den beiden schweren Säcken mit dem Gepäck für Samedan und Savognin unter den Armen.

Viel mehr konnte jetzt nicht mehr schief gehen.

Das schlimmste hatten meine Mitläufer beim Nachtessen verhindert, war ich doch der festen Meinung, der Start sei um 04.30 Uhr und nicht schon um 04.00 Uhr.

Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig auf den Start, fand im Gemenge auch Rebecca und Marc und wir zogen im Regen, in der Ferne war noch Donnergrollen zu hören, Richtung Scalettapass.





Es sollte den ganzen Tag weiter regnen, bald war kein trockener Faden mehr am Körper, von innen schwitzen, von aussen der Regen. Dazu kam die Kälte durch den Nordwind.


Nach Bergün musste ich Rebecca und Marc ziehen lassen, sie waren mir zu schnell unterwegs.




Auf dem Pass Fuorcla Crap Alv sah ich den Bergbach und den Wanderweg und beide sahen gleich aus. Bei beiden kam Wasser hinunter. Ich lief los, kein Läufer weit und breit, frierend und schlotternd. Ich musste dagegen ankämpfen, mich nicht einfach hinzusetzen und zu heulen.

Da kam von hinten Stephan und zu zweit ging es schon besser, er gab mir sogar Haribo, als es mich wieder mal schüttelte vor Kälte. Ich nahm eine Handvoll in den Mund und realisierte erst später, dass das ja ein No-Go ist für Vegetarier wegen der Gelatine. Nach der Fleischbouillon am Eiger mein zweiter Fehltritt in diesem Jahr.




Als wir oben waren beim See, ging es nicht nach vorne hinunter, sondern links einen weiteren Anstieg hinauf. Als es hinabging, war es so steil und ausgesetzt, dass nur Lebensmüde rannten.

In Spinas gab es einen VP. Ich wollte dort aufhören. Stefan empfahl mir, das Unterleibchen zu wechseln. Das machte ich, musste ihn aber ziehen lassen, weil ich mich noch aufwärmen wollte in der Gaststube („bitte im WC umziehen, nicht vor den Gästen“). Dort traf ich auf einen Herzdoktor aus Solothurn. Eigentlich wollte er auch aufhören, aber beide waren wir der Meinung, dass Spinas ein schlechter Zeitpunkt war, wenigstens den zählbaren Teil bis Samedan wollten wir absolvieren. Zu zweit nahmen wir den Pass vor Samedan in Angriff. Ein sinnloses Unterfangen, denn Samedan lag in der Talverlängerung von Spinas. Aber eigentlich war ja alles sinnlos und diente nur dem eigenen Leiden. Der Herzdoktor war ebenfalls am Eiger Ultra Trail. Ja, wenn schon Doktoren zwei solche Dinger in kurzer Zeit laufen, kann man doch nicht mehr von Blödsinn sprechen, oder?




In Samedan traf ich Rebecca und Marc wieder, die sich soeben aufmachten. Meine Motivation weiterzulaufen war gleich null. Mir war kalt und übel. Ich holte mir eine Immodium Tablette bei der Sanität und eine zweite Decke und legte mich hin. Ich fror aber weiter und unbequem war es auch. Nach 5 Minuten stand ich wieder auf. In der Garderobe zog ich neue Schuhe und Socken an. Ich musste unbedingt essen. Bisher hatte ich von Datteln, Salznüssli und Kartoffeln gelebt. Ich zwang mich, weiter Kartoffeln zu essen und schon länger war ich süchtig nach Cola, das ich aber immer verdünnt zu mir nahm.

 Da sah ich Felix wieder, der bei der Ausgangskontrolle Stirnlampe und Handy zeigen musste. Er war bereit, auf mich kurz zu warten und so lief ich mit ihm los in die Dämmerung.



Ich könnte ja jederzeit umkehren. Wir nahmen einen Westschweizer in unsere Gruppe auf und zusammen fanden wir kurz Unterschlupf bei der Reception auf dem Muottas Muragl. Ein Gast aus Deutschland wollte es von uns genau wissen, was wir da machten und wir erklärten es ihm gerne.




Dazu folgendes: das nächste Mal nehme ich Kärtchen mit und verteile diese an alle Interessierten, die uns immer wieder ansprachen. So gern ich ein Schwätzchen halte und auch Auskunft gebe über den Irontrail, die Zeit fehlt dann irgendwo. So spare ich sicher im Ganzen eine Stunde, werde den Kontakt aber gleichzeitig vermissen.

Umso schwerer war es, wieder in die Kälte hinauszugehen. Und wie kalt es war! Es begann auf dem Weg zur Segantinihütte an zu schneien. Der Wind blies uns den Schnee von der Seite ins Gesicht


Der Westschweizer lief uns nun davon, Felix wollte langsamer gehen, also war ich wieder allein.

In der Hütte wollte ich warten, doch die war zu. Also ging es nach unten auf dem ausgesetzten Weg nach Pontresina.

Dort haben sie zum Glück den Posten verlegt von der Garage in ein Gebäude.

Vor dem Posten sah ich einen, der einen Notkocher anzündete. Was es alles gibt.

Der Westschweizer sass dort und wollte aufgeben. Das wollte ich auch. Jetzt noch das endlos lange Rosegg Tal und dann auf die Fuorca Surlej mit den endlosen Serpentinen. Nein, danke.

Und es war so schön warm hier in Pontresina. Mir gingen die Punkte flöten für den UTMB, aber was kümmerte mich das. Mein Minimalziel war Maloja gewesen, das würde mir auch die nötigen Punkte für den UTMB verschaffen. Aber bei dem Wetter, bei meinen Schwindelanfällen war meine Motivation gleich null. Maloja war noch so weit weg.

Neben mir hockte ein Kollege des Westschweizers, Eric, der in Amerika aufgewachsen war. Der bekam jetzt auch vom Notkocher einen echten Hamburger serviert. Eric wollte auf jeden Fall weiter. Ok, sagte ich mir, ich probiere es mit ihm und wenn es nicht klappt, umkehren kann ich immer.

Anke aus Deutschland schloss sich uns noch an und zu dritt liefen wir los, in die falsche Richtung. Nach fünfhundert Meter realisierten wir das und kehrten um. Wir fanden die Strecke  und liefen gleich wieder falsch, da rief uns ein Mann mit Hund zu, dass die Strecke erst später abbiege. Der Mann sollte uns noch weiter folgen. Erst nach einer halben Stunde sprach ich ihn an, ob er Spaziergänge immer so spät unternehme mit dem Hund. Da stellte sich heraus, dass er der Schlussläufer war. Alles klar.

Eric und Anke liefen zu schnell für mich. Da waren es nur noch der Schlussläufer und ich. Bis wir zwei Koreaner trafen, die kein Wort einer anderen Sprache sprechen konnten. Keine einfache Aufgabe für den Schlussläufer.

Allein lief ich hoch. Und hoch, und hoch. Immer wieder sah ich Lichter, da muss wohl ganz oben sein, bis ich um die Ecke kam und Lichter noch weiter oben sah.

Fast ganz oben irrten etwa vier, fünf Läufer herum auf der Suche nach der Hütte auf der Fuorca. Ich sah das Zeichen für Bergweg und nahm die Irrläufer mit zur Hütte.

Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis, was Strecken anbelangt. Ich hätte schwören können, von der Hütte bis zur Bahnstation seien es nur 10 Minuten. Es ging viel länger. Dort angekommen, traf ich Stefan, der aufhören wollte. Eric hatte ich wieder eingeholt und zusammen mit einem anderen Stefan, der Knieprobleme hatte, liefen wir runter nach Sils. Jetzt schon mit der drohenden Schlusszeit von Maloja im Nacken.

Eric wurde rundum betreut, drei, vier Personen kümmerten sich um ihn und holten ihn ein paar Kilometer vor Maloja ab und motivierten ihn zu rennen. Stefan und ich marschierten. Stefan gab auf in Maloja, mit dem Knie konnte er nicht weiter. Zu meiner Überraschung waren Rebecca und Marc noch in Maloja. Rebecca ging es nicht gut und Marc ging mit Daniela weiter. Rebecca wollte es langsamer angehen, aber weitermachen.


Eric hatte sich kurz hingelegt und zusammen gingen wir kurz vor der Schlusszeit weiter.

Inzwischen war es hell geworden, die Sonne kam hervor, aber kalt war es immer noch, der Nordwind blies uns immer noch um die Ohren.



Auch hier täuschte mich meine Erinnerung, oben war noch längst nicht der Ort, wo der See war, das war noch ein paar hundert Meter weiter oben. Wo noch Schnee lag.

Hier geschah etwas seltsames. Eric winkte mir von unten zu, ich wurde nicht schlau daraus und wartete. Jetzt kehrte er um. Sprach mit Leuten. Und kam wieder hoch.
Ich ging ihm nun entgegen, die 50 Höhenmeter hinunter. Er hätte umkehren wollen, plötzlich aber einen Energieschub bekommen. Er hoffte, es würde mir recht sein, wenn er davonziehe. Und er zog in einem erstaunlichen Tempo davon.

Lange dauerte sein Schub nicht und ich holte ihn auf dem Weg nach oben wieder ein.

Hinunter lief mir Eric wieder davon, ja er sprintete fast nach Bivio, weil dort seine Kollegen auf ihn warteten. Da lief ich zu Rebecca auf. Sie war langsam unterwegs und sichtlich gezeichnet. Magenprobleme. Oh, ich kenn das so gut. Bisher lief es mir auch nicht ohne Probleme ab, aber irgendwie ging der Schwindel immer wieder vorbei. Meist nach der Einnahme von Cola.

In Bivio trat ich in die Stube und alle Helfer klatschten. Wow, was für ein Empfang.

Rebecca liess sich von ihren Eltern pflegen, Eric sass mit seinen Kollegen in einer Pizzeria und ass eine Pizza. Hier traf ich Michael wieder, einen Bankmanager aus Deutschland. Den hatte ich mit seinem Kollegen in der Nacht bei Schneefall gefilmt, danach begann die Kamera zu spinnen an und gab irgendwann ganz den Geist auf. Worst Case für mich als Hobby Filmer.

Michael, Eric und ich legten uns für fünf Minuten hin und zusammen nahmen wir die Treppenstufen in Angriff Richtung Alp Flix und Savognin.


Das ist das, was ich liebe und wenn ich die Balance im Magen hinbekomme, er darf nicht zu leer sein und er muss das richtige bekommen, so dass mir nicht schwindlig wird, dann liebe ich es, wie in einem Treppenhaus hochzusteigen. Und genau das erwartete uns nach Bivio.

Michael war schnell unterwegs, ich blieb bei Eric. Doch er wurde immer langsamer. Entweder rächte sich sein Spurt Richtung Bivio oder Pizza ist nicht das ideale Nahrungsmittel für Ultras.

Ich lief ihm davon. Als er nicht mehr zu sehen war, wartete ich zehn Minuten auf ihn, um mich von ihm zu verabschieden.


Auf der Alp Flix holte ich Michael ein und zusammen liefen wir frisch gestärkt nach Savognin. Nur 10 Kilometer, hiess es, und alles Fahrweg.



Dann müssten wir die Schlusszeit um mehr als eine Stunde unterbieten und könnten uns hinlegen.

Dass wir uns immer noch auf Infos verlassen, die allzu gut tönen! Es war bald vorbei mit dem Fahrweg und es folgte ein Potpourri an Wegen. Technisch hinunter, Bergbäche hinunter, wieder mal hinauf, hinein in ein Tobel, um uns eine neue Brücke zu zeigen. Michael und ich fluchten über den Tuffli und seine Wegwahl. Aber schlussendlich sind wir ihm unendlich dankbar, dass er dieses Abenteuer überhaupt erst möglich macht.

Wir schafften es, eine halbe Stunde vor der Schlusszeit in Savognin anzukommen. Zum Glück war Dieter, der Laufpartner von Michael vor Ort, der in Maloja aufgeben musste. Er holte uns das Essen, half uns umzupacken und schon ging es weiter. Eric blieb in Savognin und musste aufgeben.


Bald überholten wir Rebecca, der es nicht besser ging. Jetzt geriet ich in Panik, dass wir es nicht rechtzeitig nach Lantsch schaffen würden. Ich verabschiedete mich von Michael, der nicht mehr joggen wollte, auch nicht, wenn es bergab ging.

Ich traf Anke wieder, die mir erzählt hatte, dass sie keine Trailrunnerin sei, sie sei eine Hikerin.

Ob sie denn nie renne, fragte ich sie. 
Dann zeigte sie mir auf dem Downhill Trail vor Tiefencastel, wie sie rennen kann. Ich kam der ehemaligen Siegerin vom 100km in Biel nicht mehr nach auf dem technischen Trail. Ich rief ihr nur nach, sie solle es nicht übertreiben.

 Plötzlich hörte ich sie rufen. Sie war auf eine Gruppe von Läufern gestossen. Alles Bekannte von mir. Marc und Daniela standen dort und Stefan, der Freund von Daniela, der sie betreute, nachdem er aufgegeben hatte. Daniela wollte den Weg nicht hinunterlaufen. Da werde sie sicher ausrutschen. Das nachdem sie die schwierigsten Trails bereits gemeistert hatte.

Ich fragte Marc, ob er nicht mit mir kommen wollte. Wir müssen uns beeilen, die Schlusszeit von Lantsch drohe. Aber er wollte bleiben.

Anke war jetzt weg, so lief ich alleine weiter, ass etwas in Tiefencastel und suchte mir den Weg nach Lantsch.

Wie ich später von Michael erfuhr, hatten Rebecca, Daniela und Marc in Tiefencastel ein Taxi bestellt und damit aufgeben. Das Taxi kam aber nie und so mussten sie noch bis Lantsch hochlaufen.

Inzwischen hatte ich Halluzinationen, ich hörte Stimmen und ich sah Irontrail Wimpel, wo keine waren. Plötzlich befand ich mich in einer Sackgasse in einem Firmengelände.

Ich musste umkehren, etwa zehn Minuten zurücklaufen und ich beschloss, die Wimpel anzufassen, um mich so von ihrer tatsächlichen Existenz zu überzeugen.

Wenn ich am Boden die Steine betrachtete, so wurden daraus lebendige Wesen, die sich wild bewegten, wie vor zwei Jahren waren es wieder Comic Figuren à la Tim und Struppi. Unter einem Gitter, das den Weg querte, versuchten dutzende von Figuren dem Gefängnis zu entkommen. Ich hätte noch lange zusehen können.

Ich fand den Weg wieder, aber wieso kamen hier keine Wimpel mehr. Sicher tausend Meter und kein Wimpel? Ich musste wieder umkehren und wie froh war ich, als ich eine Stirnlampe sah. Es war Michael. Was für ein Glück. Und der Weg, von dem ich umgekehrt war, war der Richtige.

Zusammen machten wir uns auf und kamen endlich am Ziel an. Wir hatten genug Reserven, um uns für eine halbe Stunde hinzulegen. Wie wir uns darauf freuten.

Doch leider  war es noch nicht das richtige Dorf mit dem Verpflegungsposten. Wir waren noch nicht in Lantsch und beim Wanderwegzeichen stand noch 1 Stunde bis Lantsch. Und wir hatten noch eine Stunde Zeit.


Es ging wieder mal bös hinauf. Zwanzig Minuten vor Schluss waren wir oben und assen etwas, legten uns fünf Minuten hin und eine Minute vor Schluss gingen wir in die Kälte hinaus.

Marco kam noch mit uns. Er war bei den 121er gestartet und hatte sich bereits auf dem Scalettapass verirrt und die falsche Abzweigung genommen. Am Schluss hatte er mehr als 150 Kilometer auf seiner Uhr angezeigt.

Jetzt ging es an den grossen Aufstieg zum Urdenfürggli. Hinter uns sahen wir nun die drei Schlussläufer, die uns auch außerhalb der Posten aus dem Rennen nehmen würden, wenn sie sehen würden, dass wir es nicht mehr schaffen würden.


Ich führte unsere Gruppe an und stoisch liefen wir auf die Alp Schamoin. Es ging mir schon länger nicht mehr gut, mir war übel, schwindlig. Ich musste mich zwingen, Nuss-Stengeli zu essen und sie mit Cola herunter zu spülen. Ich fror und fragte die Schlussläufer, ob sie nicht eine Jacke entbehren könnten. Und tatsächlich gab mir einer seine Jacke. Wenigstens musste ich nicht mehr frieren.

Oben angekommen gab ich auf, legte mich bei einer Hütte vor der Türe auf den Boden und wollte nur noch schlafen. Michael hatte erwähnt, dass die inoffizielle Schlusszeit dort um 07.15 Uhr war. Jetzt war es 06.15 Uhr.

Zu meinem Glück war ein Mitarbeiter der Bergbahn anwesend, der schloss einen geheizten Warteraum auf.

Michael und Marco liefen ohne Halt weiter. Ich besprach die Situation mit den Schlussläufern und sie waren damit einverstanden: Ich konnte mich hinlegen und musste einfach vor 07.15 Uhr den Raum verlassen. 

Ich legte mich auf eine Bank und schlief sofort ein.

Die Schlussläufer warteten und weckten mich eine halbe Stunde später.  Ich fühlte mich viel besser, ass noch etwas und verabschiedete mich von ihnen. Von irgendwo kamen Kräfte zurück und ich lief hinauf zum Urdenfürggli. In einigem Abstand sah ich weiter unten die drei schwarz gekleideten Männer (ok, einer hätte eine rote Jacke angehabt, die ich nun trug).




Die Halluzinationen hatten nach dem Schlafen aufgehört. Jetzt kam auch die Sonne hervor. Aber kalt war es noch immer.

Vor dem Hörnli holte ich Michael ein. Auf dem Hörnli ass ich Kartoffeln und trank Bouillon, die Jacke liess ich für den Schlussläufer zurück.


Jetzt kam die mentale Prüfung. Man sieht Arosa weiter unten, muss aber noch den Umweg über das Weisshorn machen. Und was für ein Umweg das ist. Wieder Treppenhaus hinauflaufen.
 



Mit Michael lief ich auf das Weisshorn, weiter unten sahen wir die schwarzen Männer. Ich verabschiedete mich von Michael und lief runter nach Arosa. Ich bewunderte seine Ruhe und Nerven, ich sah immer wieder, wie der Schlussläufer von hinten kommt, mir auf die Schulter klopft und meint, lass es gut sein. 

In Arosa gab es wieder Kartoffeln und Bouillon, als ich aufbrach, kam mir Michael entgegen. Ich machte mich alleine auf Richtung Medergen. Und habe ich schon erwähnt, dass ich ein schlechtes Gedächtnis habe, was Strecken betrifft? Dass es nach Arosa so weit hinaufgeht, das wusste ich wirklich nicht mehr.
 


Kurz vor Medergen lag Marco im Gras in der Sonne. Ich legte mich zu ihm und bald waren wir beide eingeschlafen. Zum Glück kamen Leute und wir erwachten. Zum 20. Mal erklärten wir, was wir da machen und eine Frau machte ein Foto von uns, weil sie eines wollte von Männer, die so verrückt waren, so weit zu laufen.




Wir liefen nun zusammen zu einem der schönsten Posten, dem vor dem Aufstieg zum Strelapass. Wir wären gerne länger geblieben, doch die Schlusszeiten waren uns noch immer im Nacken.
 


Jetzt hiess es, nochmals zu beissen. Marco musste immer wieder kurze Pausen machen, holte danach aber wieder auf. Immer wieder schauten wir nach unten. Sollte es Michael auch noch schaffen. Endlich sahen wir weit unten sich etwas bewegen. Wenn er es wäre, könnte er es packen. Und es muss Michael gewesen sein, denn er kam nur 30 Minuten nach mir auch als Finisher im Ziel an.




Oben angekommen setzte sich Marco hin und rauchte eine Zigarette. Unglaublich.
 


Hinunter gab er Gas, ich konnte ihm nicht mehr folgen. Ich wäre so gern auch nach unten geflogen, aber die Fuss-Sohlen taten inzwischen recht weh.



Auf der Schatzalp hörte ich meine Tochter mit ihrem Freund reden. Die beiden hatten den 91er gemacht. Der Plan wäre gewesen, dass wir ab Savognin zusammen laufen. Aber leider war ich viel zu langsam unterwegs. So waren sie schon längst am Ziel angekommen und kamen mir nun auf der Schatzalp entgegen.

Nur war niemand dort. Wo ich die Stimmen gehört hatte, war kein Mensch.

In endlosen Schleifen geht es nach unten und kurz vor dem Ziel sah ich Felix, der mich singend begrüsste. Und es war keine Halluzination! 
Ich hätte weinen können. Es war so schön. Er begrüsste mich und sah mich im Olymp der Läufer angekommen.


Ich lief nun Richtung Ziel, sah dort die vielen Leute. Ich wollte auf die Knie fallen und das Zielband am Boden küssen, doch mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Meine Tochter kam zu mir und hielt mich zum Glück fest, bevor ich ganz die Kontrolle über meine Glieder verlor.




Ich war angekommen. Nach 200.3 Kilometer und 11‘440 Höhenmeter.

Dank an:
  • die Café Schneider Runde für die Korrektur der Startzeit
  • Marc und Rebecca für das zügige Anfangstempo
  • Stefan für die Haribos
  • den Herzdoktor für die Motivation und Begleitung
  • Felix für die Mitnahme auf den Muottas Muragl
  • Eric für die Englisch-Lektionen und die Tablette gegen Schwindel
  • Dieter für die Betreuung in Savognin
  • Michael für die unterhaltsamen Gespräche und für den Frust-Austausch
  • Marco für das kurze Nickerchen und das letzte Beissen
  • den Schlussläufer für die Jacke und für euer lockeres, aber bestimmtes Auftreten
  • alle Helfer für alles, ihr wart grossartig

  • und Andrea Tuffli für den ultimativen Challenge in den Bergen