Mittwoch, 19. Juli 2017

2017 Eiger Ultra Trail - 101 Kilometer - 6700 Höhenmeter



youtube video




Bis zum Bieler hatte sich der mittlere Gesässmuskel (gluteus medius) wieder entspannt. Nach dem Bieler meldete sich der Hüftbeugermuskel (psoas major), auch mit einer Verspannung. Ich verkleinerte das Trainingspensum und an keinem Trainingslauf war ich schmerzfrei. 

Der Physio Therapeut setzte die schmerzhafteste Methode ein, die ich kenne, Dry Needling. Läuft weit weg, wenn euer Physio Therapeut mit sowas kommt. Fünf Zentimeter lange, feine Nadeln werden in den Muskel gesteckt.

Zwei Wochen vor dem Eiger ging ich trainingshalber nur noch aufs Velo.

Mein Neffe, Adrian, wollte mit mir laufen und er stellte sich eine Zeit von 20 Stunden vor. Ich korrigierte die Erwartungen auf 22 Stunden. Dazu kam Marc aus Stuttgart, den ich von zwei Irontrail Läufen kenne und der in Biel 20 Kilometer lang mit uns lief.

Er wollte den Eiger langsamer angehen.


Samstag, 02:30 Uhr
Haferflocken und Rosinen in Wasser aufgelöst, dazu eine Banane.



Samstag, 04:10 Uhr
Wir laufen vom Hotel zum Start, geben das Gepäck ab für Burglauenen und stehen ein



Samstag, 04:30 Uhr

Wir laufen los, nach 100 Metern fällt mir die Sonnencreme aus dem Rucksack auf den Boden. Ohne bin ich aufgeschmissen, ich muss zurück, ich versuch so gut wie möglich den mir entgegen laufenden Teilnehmern auszuweichen, um die Tube wieder vom Boden aufzulesen. Danach ist Adrian verschwunden.

Ich muss Gas geben und finde ihn nach einem kurzen Sprint. Das fängt ja schon gut an.

Samstag, 05:30 Uhr

Meditativ laufen wir als Tatzelwurm Richtung Grosse Scheidegg.





Es wird schon bald hell und oben auf der Strasse ist ein Hirte mit seinen Geissen ebenfalls auf dem Weg nach oben. Die Geissen scheren nun aber aus und laufen uns Läufern nach, was dem Hirten gar nicht passt. Der Border Collie gibt sich bellend alle Mühe, doch es sind zu viele Geissen, die schon auf dem falschen Weg neben uns her trotten.





Samstag, 06:20 Uhr

Der erste Verpflegungsposten auf der grossen Scheidegg. Der Wind bläst uns um die Ohren, es ist bitterkalt, Jacke anziehen und nur schnell weg von hier.

Noch immer begleiten uns die Geissen. Was nicht immer lustig ist. Bei engen Brücken drängen sie und stürzen über Felsen nach vorn, um vor uns über die Brücke laufen zu können.

Samstag, 06:55 Uhr
Es geht runter nach Bort, die erste Prüfung für unsere Oberschenkelmuskeln.

Samstag, 07:25 Uhr

Sim überholt uns, ein Kanadier, der in Genf lebt und den ich schon öfters an Läufen angetroffen habe.
Ich laufe noch immer mit Adrian, das Tempo ist zügig. Wir treffen Johann, einen Schweizer, der vor 30 Jahren als Bauer nach Tasmanien ausgewandert ist und Ferien macht in der Schweiz. Und warum nicht noch einen Ultra laufen?



Samstag, 08:45 Uhr
Wir laufen über den Skywalk zum Verpflegungsposten auf dem First. Noch fühlen wir uns gut, die Schmerzen im Hüftbeuger sind verschwunden, warum auch immer.



(Eventuell lag es an diesem Sprung für den Fotografen,
zuerst tat der Hüftbeuger nach dem Sprung noch mehr weh, nach
einer halben Stunde war der Schmerz weg)

Samstag, 09:45 Uhr
Wir stärken uns vor dem Aufstieg aufs Faulhorn, ich dränge auf einen kurzen Aufenthalt. Es läuft so gut, das will ich ausnützen. Vor der Verpflegungsstation Feld liefen wir letztes Jahr in langsamen Kolonnen, ein Überholen war nicht möglich, jetzt da wir weiter vorn im Läuferfeld sind, ist das Tempo auch zügiger. Herrlich.


Samstag, 10:00 Uhr
Jetzt ist meine Frau gestartet, sie läuft den E16 und wird am Abend im Festzelt aushelfen. Leider sind die Chancen minim, dass wir ins Ziel kommen, während sie noch aushilft bis Mitternacht.

Samstag, 11:00 Uhr
Nach einem gut stündigen Aufstieg müssen wir auf dem Faulhorn auch nicht anstehen wie letztes Jahr. Ich hatte meine Salztabletten verloren, Adrian half mir aus. Nach kurzem Aufenthalt machen wir uns auf auf die nie endende Strecke nach der Schynigen Platte.

Samstag, 13:00 Uhr
Fast zwei Stunden brauchen wir für die 10 Kilometer. Keine Ahnung wieso. Klar hat es technische Passagen, aber es läuft flow mässig richtig gut. Und kein Schnee in diesem Jahr, ja nicht mal nass ist die Strecke. Trotz Regen am Freitag.





Samstag, 14:40 Uhr
Wir benötigen 9 Stunden 30 Minuten für die ersten 50 Kilometer. Vielversprechend.

Auf dem Weg hinunter zum tiefsten Punkt nach Burglauenen treffen wir Martin Hochuli, der in seinem tollen Blog ausführlich über seine Abenteuer berichtet und seinen Weg zu seinem 2. UTMB am 1.September 2017.






In Burglauenen lassen wir uns Zeit. Adrian wird von seiner Freundin, Claudia, bedient, für mich spielt Felix, ein bewährter Laufpartner vom Irontrail, den Laufburschen. Es gibt Wassermelonen und Kartoffeln. Für Cola sei es noch zu früh, meint Claudia. Marc sei kurz vor Burglauenen, das erstaunt uns, ist er damit doch recht schnell unterwegs.


Christian fehlt. Plan war, dass er uns hinauf bis nach Wengen begleitet. Wo ist Christian? 
Letztes Jahr war ich erst kurz vor 17 Uhr in Burglauenen. 
Christian hat wohl mein Whatsapp für einen Scherz gehalten, dass wir bereits um 14.30 Uhr ankommen.
So laufen wir los ohne Christian.

Samstag, 17:00 Uhr
Irgendwann muss die Krise ja kommen und sie trifft mich härter als Adrian. Der Aufstieg nach Wengen wird zur Geduldsprobe. Wengen kommt nie. Bis hierhin war ich im Trail-Himmel, die Bedingungen waren optimal, ich fühlte mich gut und stark, die Strecke war traumhaft schön, es war himmlisch. Ich konnte juchzen vor Freude.


Und jetzt die Krise. Ich nehme beim Aufstieg das erste Mal Cola, zusammen mit Salzstängel. Das bewährte Mittel vom Bieler. Es nützt auch hier, wenn auch nicht so stark.

In Wengen leg ich mich bei der Sanität kurz hin. Ich kann noch essen, das macht Mut.



Wir laufen los, eine knappe Stunde lang geht das gut, danach kommt der Schwindel. Schnell einen Schluck Cola. Es hilft aber nicht mehr. Ich kämpfe mich die restlichen 400 Höhenmeter nach oben. Adrian kommt zügiger voran. Ich bemühe mich. Und wie immer in solchen Momenten denk ich mir, dass ich das falsche Hobby gewählt habe. Wieso nicht golfen, wieso nicht fischen? Und warum nicht den 51er? Wieso muss es immer das Maximum sein?

Nach dem Lauf kenn ich die Antwort und freu mich bereits auf die nächste Plackerei. Was kann uns in unserem sonst wohlbehüteten Leben eine solche Befriedigung geben wie ein Finish bei einem eigentlich wahnsinnigen und oft aussichtslosen Projekt wie dem 101er in Grindelwald?

Samstag, 19:00 Uhr
So früh war ich noch nie auf dem Männlichen. Drei Stunden vor Streckenschluss. Aber ich fühl mich elendiglich wie in all den Vorjahren.

Viermal gestartet, dreimal gefinisht, aber auch dreimal auf der Liege gelandet auf dem Männlichen.

Ich leg mich bei der Sanität wieder auf ein Bett. Dem Arzt schildere ich, wie mir schwindlig ist und nichts mehr essen kann. Aber ich wolle nur eine halbe Stunde abliegen und dann weiter laufen.

«Wenn der Körper nein sagt, dann sagt er nein» und der Arzt lässt die Instrumente für eine Infusion kommen.

Damit wär ich definitiv aus dem Rennen. Ich wehre mich, er soll mir 20 Minuten geben. Der Arzt sagt, dass er mich auch ohne Infusion aus dem Rennen nehmen kann. Ich finde mich schon so halb damit ab, das ist höhere Macht. Das kann und muss ich akzeptieren.




Marc ist inzwischen angekommen, er ist stark unterwegs und ich bitte Adrian, mit ihm weiterzuziehen. Mein Schicksal sei zu ungewiss. Schweren Herzens verabschiedet er sich.

Jetzt kommt mir der Trail-Gott zu Hilfe, bei der ich einen speziellen Platz haben muss in ihrem Herzen. Sie schickt mir den Kardiologen, Max, mit dem ich am Irontrail gelaufen bin. Der war gestürzt und will sich auf dem Männlichen verarzten lassen. Ich spreche ihn an und überrede den Arzt vom Männlichen, mich mit dem Kardiologen ziehen zu lassen. Auf diesen Deal lässt er sich glücklicherweise ein.







Samstag, 23:00 Uhr
Auf der kleinen Scheidegg muss ich mich wieder hinlegen. Ich hatte seit Burglauenen nichts gescheites mehr essen können, mir kommt gleich ein Würgereflex. Mir fehlt die Energie. Hinlegen und abwarten.
Die Ärztin und ihr Team auf der kleinen Scheidegg sind grossartig, sie haben viel Verständnis und lassen mich machen. Ich bekomme Motilium für den Magen und überwinde mich, Nuss-Stängeli und Salzstängeli mit Cola herunterzuspülen.



Ich muss Max ziehen lassen und finde mich schon damit ab, es wenigsten bis zur kleinen Scheidegg geschafft zu haben.

Da kommt mir zum zweiten Mal in diesem Lauf der Trail-Gott zu Hilfe.

Am Freitag vor dem Lauf sprach uns ein Ehepaar an, weil sie mich erkannten von den YouTube Videos. Die Frau, Irene, sieht mich in der Sanität und als später Clive zum Verpflegungsposten kommt, den sie ebenfalls aus meinen Videos kannte, geht sie auf ihn zu und sagt ihm, dass ich hinten in der Sanität liege.
Clive kommt daraufhin zu mir und begrüsst mich. Ich bitte ihn, bevor er loslaufen wird, nochmals bei mir vorbeizukommen. Entgegen aller Vernunft stehe ich auf und mache mich bereit. Beim Herauslaufen mit Clive sehe ich Sim, der aber nicht mitkommen will, weil er erst gerade angekommen sei.

Bei den ersten Schritten draussen fühl ich mich so elend, dass ich Clive sage, dass ich zurückkehren muss.

Da kommen vier, fünf Romands lautstark und ausgelassen daher und die haben so eine gute Stimmung und laufen Clive hinterher, dass mich das beim Zurücklaufen zum Verpflegungsposten wie in einem Sog mitnimmt und ich Clive nach vorne rufe, dass ich doch mitkomme.

Es geht leicht nach unten, da kann ich mich zusätzlich erholen und als es wieder hinaufgeht bis zur Station Eigergletscher, zum Teil auf der Moräne, fühl ich mich wieder einigermassen ok.

Da beginnt jedoch die Leidenszeit von Clive. Er hat Mühe mit den Höhenmetern, kommt vorwärts wie ein Mount Everest Besteiger auf den letzten Metern. Er habe seit Burglauenen nichts mehr essen können. Er ist besorgt, wegen den Schlusszeiten. Doch da kann ich ihn beruhigen. Wir hätten Zeit genug.

Wie zwei Zombies bewegen wir uns durch die Nacht.

Sonntag, 01:50 Uhr
Auf dem Eiger Trail, sobald es bergab geht, sind wir wieder schnell unterwegs, wir überholen nur. Keine Ahnung woher die Kraft gekommen ist. Jetzt geniesse ich es. In Alpiglen gibt es Cola und Bouillons, bei allem anderen verweigert sich der Körper.



Nach Alpiglen ist es jedoch vorbei. Wir haben keine Kraft mehr in den Muskeln, wir können nicht mehr bremsen. Zum Glück ist es dunkel und es sieht uns kaum jemand beim gestabigen Herunterlaufen.

Unten vor dem Marmorbruch erzählen sie was von 70 Höhenmetern bis zum nächsten Verpflegungsposten. Das muss der Nettowert sein, wir laufen sicher 300 Höhenmeter hinauf und 230 wieder hinunter.

Verlass dich nie auf Einheimische, die haben ganz andere Vorstellungen von Raum und Zeit!

Hier verliere ich den Anschluss, Clive läuft den Romands hinterher, die wir immer wieder angetroffen haben. Ich mag nicht mehr und der Verpflegungsposten will und will nicht kommen.



Sonntag, 03:20 Uhr
Wir sind am Marmorbruch und müssen nur noch hinauf auf die Pfingstegg. Ist einfach gesagt, sie beruhigen uns, es seien nur noch 300 Höhenmeter. Das hört sich nach wenig an, nach allem was wir gemacht haben, doch es sind mitunter die steilsten Höhenmeter.

Sonntag, 04:20 Uhr
Wir sind platt. Null Energie. Null Lust. Null Kraft in den Beinen. Dafür ist der Schwindel schon seit Stunden verschwunden, hat aber einem Gefühl Platz gemacht, dass nicht viel besser ist. Eine Mischung aus Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Unlust und Leere. Gut bin ich mit Clive unterwegs, wir geben uns gegenseitig Mut.

Sonntag, 05:45 Uhr
Wir brauchen eine halbe Stunde länger nach unten als all die anderen. Wir können noch immer kaum bremsen mit unseren Beinen auf den steilen Wegen nach unten.





Vor dem Ziel treffen wir noch auf Thomas Traub, den wir bereits auf der Strecke angetroffen hatten, bevor es runtergeht nach Bort, und der ein Fan meiner Videos ist. Seine Frau hat ihn, soviel ich verstanden habe, durch die ganze Nacht begleitet ab dem Männlichen. Es war auch eine lange Nacht für die beiden.

Vor dem Finish überlassen wir den beiden den Vortritt, geben meiner Frau Zeit, damit sie unseren Zieleinlauf filmen kann. Wir schauen vom Holzgerüst hinunter, endlich sicher, es zu schaffen.

Nach unglaublich langen 25 Stunden und 15 Minuten laufen wir gemeinsam über die Ziellinie.



Sim kommt als letzter gewerteter Läufer kurz nach uns ins Ziel.

"Why pay 175 Swiss Francs and finish in 11 hours, when you can enjoy the ride as long as 26 hours?"



Hier ein Vergleich der mir bekannten Läufer mit dem Sieger. Dieser benötigte nur an zwei Teilstrecken mehr als eine Stunde.
Ich bei 10 Teilstrecken und bei 4 Teilstrecken sogar mehr als zwei Stunden.



Sieger Adrian Stefan Marc Max Clive Richard Sim
h min h min h min h min h min h min h min h min
Bort 1 45 2 55 2 42 3 2 2 54 3 19 2 55 2 57
First 42 1 22 1 10 1 16 1 20 1 22 1 18 1 18
Feld 37 59 1 3 1 7 1 8 1 12 1 2 1 11
Faulhorn 42 1 14 1 22 1 29 1 27 1 35 1 16 1 31
Schynige Platte 58 1 51 1 48 2 3 1 50 2 18 1 51 2 6
Burglauenen 55 1 38 1 29 1 50 1 40 1 49 1 39 1 43
Wengen 1 4 2 39 2 14 2 17 2 53 2 27 2 34 2 42
Männlichen 57 1 55 1 49 1 47 1 58 1 57 2 1 2 14
Rost 19 1 8 48 45 1 6 40 1 40 1 14
Lauberhorn 14 24 24 26 26 32 26 34
Kl.Scheidegg 30 47 53 58 1 3 1 18 1 3 1 16
Eigergletscher 31 60 1 17 1 4 1 22 1 33 2 16 1 38
Alpiglen 32 50 1 11 1 18 1 7 1 10 1 10 1 46
Marmorbruch 35 1 10 1 21 1 29 1 20 1 39 1 40 1 51
Pfingstegg 20 33 46 42 41 1 59 49
Ziel 19 40 45 50 41 1 16 1 16 52
2 540 11 605 13 482 15 443 15 476 18 427 18 426 17 522
Total 11:01 21:05 21:10 22:32 23:04 25:15 25:15 25:47


Herzlichen Dank an Adrian, Max, Clive und all die anderen Verrückten.

Herzlichsten Dank allen Helfern und Organisatoren.

Die nächsten Abenteuer:

28. Juli 2017:             Irontrail T133 von St.Moritz nach Davos
01. September 2017: UTMB

 



Sonntag, 11. Juni 2017

2017 Bieler Lauftage - 100km - Wenn der Mensch Pläne schmiedet


Bisher verlief mein sportliches Jahr eher schitter.
 
-        Wegen einer Muskelverspannung am Gluteus Medius musste ich 5 Wochen mit dem Training aussetzen und konnte nicht am Innsbrucker Trailrun und am Bieler Ultra um den See mitlaufen
-         Heuschnupfen wie seit 20 Jahren nicht mehr
-         Meine Zähne zerbröseln, ich hab eine schmerzhafte Rettungsaktion nach der anderen  bei meiner Zahnärztin
 
Dennoch ging es guten Mutes nach Biel. Lief ich bisher immer kopflos den Leuten nach, hatte ich dieses Jahr einen Plan.
Der Plan hiess Jean-François, ein Läuferkollege aus den Running Ferien in Giverola. Sein Ziel war es, unter 11 Stunden im Ziel anzukommen und am Bieler Ultra über 50km ist sein Plan voll aufgegangen. Wir wollten mit einem Schnitt von 6:30 pro Kilometer laufen.
 
Ich traf ihn und fünf andere Verrückte vor dem Start:
-         Marc Aschmann, mein Irontrail Kumpel, der 12 Stunden anvisierte
-        Stefan Keller, auch ein Irontrail Bekannter, der von einem 400 km Lauf in Afrika kam und ebenfalls in 12 Stunden laufen wollte
-        Carmela und Hansjörg, ebenfalls Irontrail Läufer, die es gemütlich nehmen wollten
-        Gianni, der letztes Jahr neben mir in Kirchberg auf einem Schragen lag und auch eine Zwangspause wegen Magenproblemen einlegen musste. Er wollte mit einem 05:30er Schnitt loslaufen und stand weiter vorne ein.

 
Es stimmte alles, die Temperatur war perfekt fürs Laufen und es blieb trocken. Es war Vollmond, leider war es meist zu bewölkt.
 
Phase 1: Alles unter Kontrolle
Wir liefen also los, ich zügelte meine Pferde, was mir aussergewöhnlich schwer fiel.
Ich musste Leute ziehen lassen, mit denen ich gerne weitergeschwatzt hätte. Doch Jean-François lief konsequent und wir hielten die Pace strikt ein.
 
Nach Aarberg, so um km20 verkrampfte sich mein Magen, das ging vorbei, wie auch andere Beschwerden. Plötzlich tat das Knie weh, dann meldete sich ein Fuss mit Schmerzen. "Alles, alles geht vorbei", zum Glück.
 
In Lyss trafen wir auf unsere Velo-Begleiter. Jean-François‘ Sohn machte es geschickter und wartete oben nach der Steigung. Mägi kam nach einem Kaltstart recht ins Schwitzen. Wir nahmen die Steigung locker joggend. Es lief sehr gut. Trotz Steigung hatten wir nach mehr als 25 Kilometern die Pace im Griff: 06:30 wie geplant.
 
Phase 2: der Magen rebelliert
Doch dann nach Oberramsern bei km38, nach interessanten Gesprächen mit einer Ärztin aus Bern (dann muss es ja gesund sein, wenn selbst Ärztinnen und Ärzte Ultras laufen), meldete sich der altbekannte und teuflisch grinsende Schwindel.
 
Meine neue Verpflegungstaktik war also nicht aufgegangen:
-          Ich hatte wenig gegessen im Vorfeld und nur Bewährtes
-          Ich nahm regelmässig Gels zu mir und trank immer Wasser
-          dazu gab es Datteln und gesalzene Nüsse
-          An den Stationen beschränkte ich mich auf Wasser und Bouillon
 
 
Ich musste nach der Marathondistanz Jean-François ziehen lassen und lief langsamer und machte Gehpausen.
 
Phase 3: es läuft wieder
Nach etwa einer halben Stunde lief es wieder besser, ich hatte das erste Mal Cola getrunken



und ich lief zügig bis nach Kirchberg bei km56.
 
Jetzt war ich müde und ich wäre gerne wie letztes Jahr zu den Sanitätern gegangen. Wie schön wäre das gewesen, sich von hilfreichen Geistern bedienen und bemittleiden zu lassen.
 
Doch nichts da. Schliesslich wollte ich unter 11 Stunden im Ziel sein. Ich montierte die Stirnlampe und lief nach einer kurzen Pause torkelnd ohne Mägi los.
 
Phase 4: Kampf
Meist weckt es meine Geister: Trailrunning ist ja mein Ding. Doch dieses Jahr blieb der Pfad ein Kampf:
Anlaufen, wieder Gehpausen, verschnaufen, anlaufen, erschöpft kurz anhalten, anlaufen.

Ich war überglücklich, Mägi wieder begrüssen zu können, ab der Stelle, wo die Velo-Begleiter wieder zugelassen sind.
 
Nur schon meiner Frau zuliebe, lief ich nun zügiger. Ich wollte nicht, dass sie vom Velo runterfiel, weil wir so langsam unterwegs waren.

Ich litt, hatte immer wieder Schwäche- und Schwindelanfälle und ich frag mich in solchen Phasen, warum ich mir das antue. Warum alle sich das antun? Denn wenn ich rumgeschaut hatte, war selten ein rundlaufender, glücklicher Mensch zu sehen. Viele marschierten jetzt drauf los.
 
Zum Glück sind das aber nur Phasen, die sich abwechseln mit Zeiten, wo es wieder besser geht, nicht gut, aber besser.
 
Vor der 75er Tafel gab es eine unwillkommene Umleitung, weg von der Strasse in den Wald und dort noch einen Hügel hinauf. Ein Umweg, der mindestens 10 Minuten Zeitverlust (wenigstens für die, die so langsam unterwegs waren wie ich) bedeutete gegenüber der Originalstrecke


 
Ich hielt mich nun mit Cola und Salzstengel über Wasser.
Zucker und Salz, die Infusion, die auch laufend eingenommen werden kann.

Es war friedlich, wie die Welt nur am morgen früh sein kann und so unglaublich schön, dass wir privilegiert sind, hier zu hause zu sein.

 
 
 
In Büren, so bei km87, habe ich ausnahmsweise die Stühle links liegen gelassen. Das Ziel von 11 Stunden war nicht mehr erreichbar, doch ich hatte bereits ein neues. Vor 11 Stunden und 40 Minuten eintreffen, damit die 700 Minuten Marke unterbieten und damit beim Schnitt eine sechs vorne dran, egal wenn es dann 6:59 sind.
 
In Büren traf ich auf die Frau und den Sohn von Jean-François. Ich fragte sie, wie schnell ich laufen muss, um ihn einzuholen. Ich konnte es kaum glauben, als sie sagten, dass er noch nicht durchgekommen ist in Büren. Nach einer Krise auf dem Damm musste er eine Pause einlegen.
 
Phase 5: Im Rennen angekommen
Ab der 90er Tafel kamen meine Kräfte zurück, ich fühlte mich wieder richtig gut. Jetzt wusste ich auch wieder, wieso ich mir das antue. Ich war im Runner’s High. Und das fühlte sich verdammt gut an. War auch hart verdient. Bei km90 war ich im Rennen angekommen.
Ich musste zwischendurch kurze Gehpausen, drei, vier Schritte, einlegen, aber sonst ging es flott im 6er Schnitt voran.
 
Ich lief auf zwei Läufer auf, die im Gehschritt unterwegs waren.
 
Als kleiner Exkurs: im Schweizerdeutschen ist das so schwierig mit dem Verb laufen, was beides bedeuten kann, rennen und Gehen. Deshalb nehmen wir gerne das englische Wort joggen.
 
Jedenfalls sprach ich die beiden an, ob sie nicht mit mir joggen wollten bis ins Ziel. Einer davon, Lukas, nahm das Angebot an und auf den letzten 5 Kilometern waren wir sogar deutlich unter 6 Minuten pro Kilometer unterwegs.
 
 
Hier mein Eintrag im Facebook:
 
 
Das machte nun richtig Spass, mit Lukas in hohem Tempo dem Ziel entgegen zu fliegen und dabei viele Läufer überholen zu können, die ich immer wieder unterwegs angetroffen hatte.

 
 
Seit Kirchberg plagte mich eine Blase an einem Zeh. Doch so richtig stören, tat sie erst auf den letzten zwei Kilometer. Aber da hielt mich nichts mehr zurück.
 
Phase 6: angekommen
Am Ziel mag ich nichts mehr trinken und nichts mehr essen. Nur noch sitzen und runterkommen. Und auf meine Leidensgenossen zu warten.

Kurz nach mir kommt Chrigel ins Ziel, ein Bekannter von Giverola, knapp danach Stefan und Peter Schmid, den ich ebenfalls vom Irontrail kenne.

Jean-François erreichte nach 12 Stunden das Ziel und ist voller Pläne für das nächste Jahr.


Marc hatte ebenfalls eine Krise, als hätten sie ihm den Stecker gezogen, schaffte es aber ebenfalls mit 12 Stunden und einigen Minuten.

Gianni's Plan war auch dieses Jahr nicht aufgegangen, mit 14 Stunden wird er gelitten haben und enttäuscht sein.

Carmela hat bis zur ersten Teilstrecke geschafft. Und Hansjörg hat das einzig richtige gemacht und den Lauf am längsten genossen.

Der Sanitätsposten war in der Turnhalle nicht im oberen Stock, nein, im obersten Stock. Lift hatte ich keinen gesehen. Ich liess die Blase am Zeh einpacken und mit dem Velo fuhr ich zurück zum Parkplatz bei der Badi in Nidau.
 
Unterwegs kauften wir uns noch eine Wassermelone und danach begann das Wochenende.
 
Die Begegnungen mit Gleichgesinnten (oder Gleichgestörten), die Stimmung in der Nacht, die Dunkelheit, das Licht der Stirn- und Velolampen, die Stille, die Feuerungsanrufe der Zuschauer, das Erwachen der Vögel am Damm, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute an den Stationen, das sehr schöne T-Shirt, die Medaille, die Verpflegung.
 
In Biel stimmt alles.

Und wenn dann noch die beste aller Ehefrauen dazukommt und einem die ganze Nacht während einer solchen Narretei unterstützt, dann ist es unmöglich, sich glücklicher zu fühlen.
 
 
 
 
 
 

Mittwoch, 14. September 2016

2016 Arosa Trail Run - Ein kleiner, aber ultrafeiner Lauf


Video vom Lauf


Wie herrlich ist es, im Startgelände anzukommen und ohne Wartezeiten und Schlange stehen seine Nummer zu lösen und nachher mit den Organisatoren an einem Tisch zu hocken und zu plaudern.
 

Es sollte ja alles auf einen schönen Lauf bei herrlichem Wetter hinauslaufen. Vielleicht am Abend lokale Gewitter, doch bis dann sollte ich längst zurück sein vom Lauf mit 53 Kilometern und 3‘400 Höhenmetern. Start war um 07.30 Uhr und ich rechnete mir eine Laufzeit von um die 10 Stunden aus.

Ja, wenn in der Praxis beim Laufen nur alles so zuverlässig wäre, wie die theoretische Rechnerei vor dem Lauf.

Am Abend gab es im Hotel eine Gemüsepfanne, die ich mir schmecken liess, bis mir in den Sinn kam, dass es nicht optimal war, am Vorabend gegrilltes Gemüse mit viel Zwiebeln zu sich zu nehmen. Aber da war die halbe Pfanne schon leer. Überraschend fand mich Dani von der Trainingsgruppe Freienstein im Speisesaal, er hatte sich für den AT22 angemeldet.

Früh zu Bett und nach einer durchzogenen Nacht nahm ich um halb sechs ein paar Maiswaffeln mit Mandelmus zu mir. Das hatte sich schon mehrfach bewährt, dazu schaute ich mir zeitverzögert den Halbfinal mit Wawrinka auf dem Tablet an.

Dani war um sieben Uhr am früh stücken, ich grüsste ihn kurz und auf dem Weg zum Startgelände traf ich Manfred, der nach dem Eiger Lauf, wo er den 35er lief, in Arosa seinen ersten Ultra bestreiten wollte.
 

 Im Startgelände traf ich dann Stefan. Kennengelernt hatte ich ihn 2012 am „The Wayve“, 111km rund um den Zürichsee und wir sind uns immer wieder am Irontrail begegnet in den Jahren 2014 bis 2016. Er hat, trotz Krisen, bereits dreimal die Maximaldistanz von 200km geschafft.


Wir liefen zusammen los mit den paar wenigen, die dort waren, vielleicht achtzig Leuten. Unglaublich, dieser Lauf hätte das zehnfache verdient. Wenn die Organisatoren so weitermachen, werden sie das in ein paar Jahren auch erreichen.

Der Lauf ist so wunderschön und abgesehen von ein paar hundert Metern Asphalt ist man immer auf Wanderwegen unterwegs und das meiste sind wunderbare Trails. Und so viel gerannt wie an diesem Lauf bin ich an noch keinem Trailrun.
 

Mit Stefan lief ich bis zum Weisshorn, dort gab es Verpflegung.
 
 
Als ich ihn beim Downhill von der Seite filmen wollte, lief ich ins Gras, das noch nass war, prompt fiel ich hin, sogar zweimal. Bis ich mich wieder gebüschelt hatte, war Stefan schon weit unten. Erst beim Hörnli holte ich ihn wieder ein, nachdem wir von einer Drohne noch gefilmt worden waren.

 Der Film war bereits am Sonntag online. Da kann ich nur sagen: Bei meinen Filmen gibt es noch viel Luft nach oben.

Er zog wieder davon, kein Wunder ist er am Irontrail um Stunden schneller als ich.

Eine wunderschöne Strecke war das vor Arosa, an blaugrünen Seen vorbei, grünen Wiesen und freundlichen Streckenposten.

Vor Arosa traf ich wieder auf Stefan und zusammen liefen wir durchs Ziel und zogen los in die zweite Runde auf die andere Talseite.

Bis Stefan mich fragte, ob ich nicht Stöcke gehabt habe. Mist, die hatte ich am Posten liegen gelassen, also nochmals drei, vier Minuten zurücklaufen. Stefan sollte ich nicht mehr antreffen, er war schlussendlich auch eine halbe Stunde früher im Ziel.

 




Jetzt ging es nach dem Weisshorn gleich zu Beginn das zweite Mal richtig hoch zur Maienfelder Furgga. Hier begann meine Krise, es war heiss und wir waren voll der Sonne ausgesetzt. Und ich wollte Cola erst beim Verpflegungsposten zu mir nehmen. Doch es wurde nicht besser, ich hatte keine Kraft mehr und überhaupt keine Lust, etwas zu essen.

Bis zum Weisshorn hatte ich pflichtbewusst meine Dattel gegessen und bis zum Hörnli auch schon zwei Kartoffeln.

Jetzt war ich schon bald fünf Stunden unterwegs und musste wieder etwas zu mir nehmen. Ich trank mein Cola/Wassergemisch und lief weiter. Es wurde aber nicht besser. Irgendwann muss es besser werden.
 

Beim Verpflegungsposten auf der Maienfelder Furgga zwang ich mich, Nuss-Stängeli zu essen. Eine Empfehlung eines Arztes, hat Kohlenhydrate, Eiweiss und Fett. Ich lief los und fragte mich wieder mal, wieso ich nicht Golf spiele.

Etwa zwanzig Minuten später kam die Energie im Blut an, der Motor fing wieder an zu laufen, der Kopf wurde frei, kein Schwindel mehr und so sollte es bis zum Schluss bleiben. Immer wieder Cola/Wasser und diese Nuss-Stängel.


Dafür bekam ich nun Krämpfe, etwas, das ich sonst nicht kenne an einem Lauf. Am Oberschenkel und an der Wade. Ja, das ganze Bein verkrampfte sich. Mit vorsichtigem Weiterlaufen wurde ich diese wieder los.

Ich hatte mich so spontan für den Lauf entschieden, dass ich meinen Magnesium Bestand in den Tagen zuvor nicht aufgestockt hatte. Experten sagen zwar, dass solche Nahrungsergänzungen nur den Urin verteuern, aber ich werde das nächste Mal wieder zwei, drei Tage vorher das Pulver zu mir nehmen.

Ich traf auf Thomas und wir packten zusammen die zwei zusätzlichen Gipfel. Es war ein auf und ab.

 


Jetzt wusste ich wieder, wieso ich nicht Golf spiele. Mit Golf kommt man nie zur Chorbschhorn-Hütte und schaut rauf zum Chorbschhorn.


Und kämpft sich dann hoch und bewundert die Aussicht, die das Chorbschhorn bietet, nimmt einen Schluck und läuft dann vom Chorbschhorn (ich finde den Namen wunderbar) zum Strela Pass.

Und der Strela Pass kommt und kommt nicht.
 


Thomas hatte nun Probleme und blieb zurück, mit Christa lief ich nun bis kurz vor Arosa. Sie schneller hinauf, ich schneller hinab, so trafen wir immer wieder auf einander.

Und es ging, nachdem es vom Strelapass steil hinunter ging nach Jatz, wieder zügig hinauf bis nach Medergen. Das kenn ich ja alles vom Irontrail, nur lief ich es dieses Mal in die andere Richtung.

Ich hab sonst schon ein schlechtes Gedächtnis was Trails betrifft und bin beim dritten Mal an einem Wettkampf noch überrascht, dass es wieder hinaufgeht, wo es in meiner Erinnerung doch flach hätte sein sollen. Dann versag ich erst recht kläglich, wenn es in die andere Richtung geht.

In Jatz nochmals verpflegt mit Bouillon, Cola/Wasser und Nuss-Stängeli. Keine Riegel und keine Gels.
 
Weiter unten sah ich Thomas in seinem gelben T-Shirt, weiter oben Christa.

 


Es wurde dunkler am Himmel. Donner ist zu hören, aber keine Blitze zu sehen. Mit Christa machte ich mich nach dem Weiler nach Medergen auf den Abstieg nach Arosa.


Ein wunderbarer Pfad, herrlichst zu laufen. Doch es wurde immer dunkler, jetzt waren auch Blitze zu sehen, der Donner kam aber ziemlich verzögert.
 
Ich liess es jetzt laufen und verabschiedete mich von Christa. Jetzt war ich wieder ein Bub, der von der Schule nach Hause rennt und sich auf’s Mittagessen und den freien Nachmittag freut.
 
Beim Stausee begann es zu regnen. Als ich die ersten Häuser von Arosa erreiche, leerte es aus Kübeln. Ich stand kurz unter, begann aber bald zu frieren, und lief dann wieder los.

 
Im Ziel war niemand zu sehen, der Speaker kündigte mich an und schon kamen ein paar Leute aus dem Zelt.

 


Ich hatte es geschafft und dafür über 11 Stunden gebraucht. Es ist mir ein Rätsel, wo ich so viel Zeit gebraucht habe.

Ich war bis auf die Krise rauf zur Maienfelder Furgga zügig unterwegs und ich konnte auch sehr viele Strecken im Laufschritt absolvieren. Aber egal, Hauptsache angekommen.
 

Jetzt gilt es nur noch, allen Organisatoren und Helfern zu danken und mit viel Mundpropaganda und Berichten dafür zu sorgen, dass sich die Läuferzahlen alle Jahre verdoppeln.
 
Wir sehen uns alle wieder, nächstes Jahr im September in Arosa zum Arosa Trail Run.

 


Anzahl Startnummern:  93
Anzahl Finisher:            67
Bestzeit Frauen:            7 Stunden 20 Minuten
Bestzeit Herren:            6 Stunden 18 Minuten


Video vom Lauf